Siegelerden in der Antike

Siegelerden bei Dioskurides

Die umfangreichsten Hinweise auf Siegelerden, deren Einsatz und Wirkungsweise findet man bei dem griechischen Arzt Dioskurides. Sein Werk de materia medica erfreute sich bis in die neuzeit großer Beliebtheit. Die von ihm benannten wichtigsten Erden sind hier aufgeführt.

 

Erde

Jede Erde, welche zum medizinischen Gebrauch dient, hat in erster Reihe kühlende und verschließende Kraft. Nach der Art ist sie verschieden, indem die eine zu diesem, die andere zu jenem nach ihrer Zubereitung nützlich ist.

Eretrische Erde

Von der eretrischen Erde gibt es eine sehr weiße und eine aschgraue Sorte. Als beste erweist sich die aschfarbene und sehr weiche, welche, wenn sie über einen Kupfernen Gegenstand gezogen wird, einen veilchenfarbigen Strich hinterlässt. Sie wird gewaschen wie bleiweiß oder auch so: Reibe davon so viel du willst und zwar mit Wasser fein und lass absetzen; dann seie das Wasser leicht ab, trockne die Erde in der Sonne, zerreibe Sie wieder, indem Du über Tag Wasser dazu gibst, Abends aber es darüber stehen lässest, früh morgens seie es ab, zerreibe die Erde in der Sonne und forme sie zu Pastillen, o viel als möglich. Wenn sie aber geröstet zum gebrach dienen soll, nimm erbsengroße Stücke der Erde, gib sie in ein durchbohrtes irdenes Gefäß und nachdem du die Mündung verschlossen hast, setze es in glühende Kohlen und blase sie beständig an. Wenn der Staub eingeäschert ist und eine mehr Luftförmige Farbe angenommen hat, nimm ihn heraus und bewahre ihn auf. Er hat die Kraft zu adstrigieren, zu kühlen, leicht zu erweichen, Cavernen auszufüllen und blutige Wunden zu verschließen.

Lemnische Erde

Die lemnische Erde entstammt irgendwelchen unterirdischen Gängen, sie wird von der Insel Lemnos gebracht, welche eine sumpfige Gegend hat., wo sie gegraben und mit Ziegenblut gemischt wird. Die Leute dort bringen sie in Form und stempeln sie mit dem Bildnis einer Ziege, sie nennen sie den Ziegenstempel. Sie hat eine hervorragende Kraft als Gegenmittel gegen tödliche Gifte, indem sie mit Wein getrunken und vorher genommen dazu zwingt, die Gifte zu erbrechen. Auch ist sie ein gutes Mittel gegen Bisse und Stiche giftiger Thiere, ferner wird sie den Gegenmitteln zugemischt. Einige gebrauchen sie auch bei religiösen Feierlichkeiten. Endlich tut sie gute Dienste bei Dysenterie.

Samnische Erde

Von der samnischen Erde soll die sehr weiße und leichte ausgesucht werden., welche, an die Zunge gebracht, leimartig festhaftet, dabei saftig, weich und leicht zerreiblich ist; eine solche ist die welche einige Kollyrion nennen. Es gibt nämlich zwei Sorten, die eben genannte und die als Aster bezeichnete, welche plattig und fest ist wie ein Schleifstein. Sie hat dieselbe Kraft, wird auch gebrannt und gewaschen wie die eretrische Erde. Sie hemmt den Blutauswurf und wird gegen Frauenfluss mit der Blüte des Granatbaumes gegeben. Mit Wasser und Rosensalbe aufgestrichen lindert sie Entzündungen der Hoden und Brüste. Auch den Schweiß hält sie zurück. Mit Wasser getrunken hilft sie gegen den Biss giftiger Thiere und gegen tödliche Gifte.

Kimolische Erde

Die Insel Kimolos (Kap. 175) lieferte zwei Sorten von Heilerden, eine weiße und eine purpurfarbene. Letztere wurde für die bessere gehalten. Mit Essig angerührt, wurde die Kimolische Erde bei Drüsen und sonstigen Geschwülsten angewendet. Sie verhindert bei Verbrennungen die Blasenbildung, lindert .... Entzündungen am ganzen Körper und heilt die Rose; sie wurde aber auch bei vielen anderen Krankheiten angewendet.

Selinusische Erde

Die Selinusische Erde (Kap. 174), war eine tonige oder fettige Erde, weiß, stark glänzend, leicht zerreiblich und von derselben Wirkung wie die Erde von Chios. Sie wurde gegen harte Geschwülste an Brüsten, Hoden und unter den Achseln benutzt. Bei Dioskurides lesen wir in Kapitel 174 „ Dieselbe Wirkung hat die selinusische Erde; am besten ist die sehr glänzende und weiße, die leicht zerreiblich ist und schnell zergeht, wenn sie befeuchtet wird.

Weinstockerde

Von der Weinstockerde ….muss man die schwarze auswählen. …Sie hat verteilende und kühlende Kraft, wird auch zu den Verschönerungsmitteln der Augen und zum Färben der Haare benutzt und dient zum bestreichen der Weinreben zur Zeit des Treibens, da sie die daran befindlichen Würmer tötet.

Sinophische Erde

Über die Sinopische Erde schreibt PLINIUS: " In der Heilkunde nimmt man sie gern zu Pflastern und erweichenden Umschlägen, denn sie geht leicht in trockene oder flüssige Mischungen ein und wird gegen Geschwüre an feuchten Leibesteilen wie am Mund und After gebraucht. Eingespritzt stillt sie den Durchfall und zu einem Denar schwer eingegeben die weiblichen Blutflüsse. Gebrannt trocknet sie, namentlich mit Wein angewandt, raue Stellen an den Augen."

Chioserde

Auch bei der Erde von Chios soll die, welche weiß und etwas aschfarben und der von Samos ähnlich ist genommen werden. Sie ist plattig und fein, unterscheidet sich aber in der Form der Zurichtung. Sie hat dieselbe Kraft wie die samische; sie macht das Gesicht, auch den ganzen Körper glatt, glänzend und sogar schönfarbig. Im Bade reinigt sie statt Natron.

Melische Erde

Auch die melische Erde ist in der Farbe gleich der aschgrauen eretrischen Erde, zwischen den Fingern gerieben ist sie aber auch etwas rau, als ob sie ein Geräusch verursachte, ähnlich dem, wenn auf Bimsstein gerieben wird. Sie hat eine dem Alaun ähnliche, aber viel schwächere Kraft., was sich auch durch den Geschmack offenbart, trocknet auch leicht die Zunge. Ferner vermag sie den Körper zu reinigen und ihm eine gute Farbe zu verschaffen. Sie macht die Haare dünn und beseitigt Flecken und Aussatz. Weiter dient sie dem Maler zur größeren Haltbarkeit der Farben und unterstützt die Heilkraft der grünen Mittel. Von dieser, wie überhaupt von jeder Erde, muss die steinfreie und frische gewählt werden, welche weich, leicht zerreiblich ist und, wenn sie nass gemacht ist leicht zergeht.

Assischer Stein

Vom Assischen Stein muss man den nehmen, welcher die Farbe von Bimsstein hat, der locker und leicht ist, dabei sich gut zerreiben lässt. Und im inneren gelbe Zonen hat. Seine Blüte ist die auf der Oberfläche der Steine aufsitzende gelbliche Salzmasse von weicherem Gefüge, und teils von weißer Farbe., teils von der des Bimssteins., aber ins gelbe spielend. An die Zunge gebracht, beißt er etwas. Beide haben schwach ätzende Kraft., sie zerteilen Geschwülste, wenn sie mit Therpentinharz oder Teer gemischt werden. Die Blüte ist aber für wirksamer zu halten. Getrocknet heilt sie ganz vorzüglich alte und schwer vernarbende Geschwüre, hält Fleischwucherungen zurück und reinigt mit Honig solche, die Pilzähnlich und bösartig sind.